Die Jazzrausch Bigband im Interview zum Albumrelease
Ein Blick hinter die Kulissen zu Euphoria
Die Jazzrausch Bigband zählt seit Jahren zu den außergewöhnlichsten Formationen Europas. Mit ihrer einzigartigen Verbindung aus Bigband-Sound, elektronischen Clubbeats und kompromissloser Live-Energie begeistert sie Publikum und Presse gleichermaßen – von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über das Rolling Stone Magazin bis hin zur Münchner Philharmonie und dem Lincoln Center in New York.
Am 03. Juli 2026 erschien mit Euphoria ihr neues Studioalbum. Wir haben mit den Bandmitgliedern Florian Leuschner (Saxophon) und Marco Dufner (Schlagzeug) über die Entstehung des Albums, die besondere Dynamik der Band und die Euphorie gesprochen, die zwischen Bühne und Publikum entsteht.
Euer neues Album heißt Euphoria. Was bedeutet dieser Begriff für Euch – ist Euphorie eher ein musikalischer Zustand oder eine gesellschaftliche Sehnsucht?
Marco: „Der Titel ist entstanden, weil er die Energie der Band ganz gut in einem Wort zusammenfasset. Wir sind 15 Leute in der Band und unsere Stärke ist, dass wir zusammen eine sehr positive Energie auf der Bühne rüberbringen. Dadurch entsteht eine kollektive Euphorie zwischen Publikum und Bigband.“
Florian: „Wenn die Band sich trifft, ist es immer positives Gegacker und ein ganz besonderer Vibe, der entsteht. Im Publikum ist es auch so, dass Leute dabei sind, die uns nicht kennen, wir aber trotzdem einen Gefühlszustand hinterlassen, den sie vorher noch nicht kannten oder erwartet haben. Die Leute haben keine Vorstellung davon, was eine Techno-Jazzband macht. Die Band ist immer am Abfeiern und dieses Gefühl überträgt sich dann sehr schnell auf das Publikum. Wenn einzelne Leute nach der Show zu uns kommen und sagen: „Danke, dass ihr da wart“, dann gebe ich das zurück: „Danke, dass ihr da wart, denn ohne Euch wäre es nur eine Probe“. Es entsteht diese Euphorie in einem Miteinander. Das Publikum wird also im positivsten Sinne überrollt.“
Die Jazzrausch Bigband bewegt sich seit Jahren zwischen Jazz, Techno und klassischer Bigband. Hattet ihr bei diesem Album das Gefühl, noch einmal Neuland zu betreten?
Florian: „Das Album ist die logische Konsequenz aus dem Vorgängeralbum. Das, was sich in Bangers Only! angedeutet hat, ist jetzt ein komplett neues Album. Die Ausrichtung ist bouncy, aber auch dunkel, technoid und rough. Das steht sich vielleicht zunächst gegenüber, aber jetzt ist es eben ein komplettes neues Album mit dem, was sich angedeutet hat.“
Gab es während der Entstehung von Euphoria einen Moment, in dem ihr eure ursprünglichen Ideen komplett über Bord geworfen habt?
Marco: Das ist zum Glück nicht passiert. Leonhard Kuhn ist der Komponist der Jazzrausch Bigband und spielt auch die Electronics in der Band. Er schreibt schon immer unsere Musik. Bisher wurde all unsere Musik auf das Studio hin komponiert und wir haben die Noten dort zum ersten Mal gelesen. Es gab also wenig Gestaltungsspielraum. Diesmal haben wir mit mehr Vorlauf gearbeitet und der Prozess im Studio war stringenter. Wir hatten die Möglichkeit bei unseren Konzerten vorab zu testen, was wie beim Publikum ankommt und diese Erkenntnisse mit ins Studio nehmen.
Florian: „Die Stücke sind ein halbes Jahr vorher entstanden und dann auf der Bühne fürs Studio gereift – also ein ganz anderer Entwicklungsprozess.“
Techno steht oft für Wiederholung, Jazz für Spontaneität. Wie schafft ihr es, diese beiden scheinbaren Gegensätze so organisch miteinander zu verbinden?
Florian: „Jazz kann auch wiederholend sein. Aber dem Jazz wohnt vielleicht mehr Spontanität inne. In beiden Richtungen gibt es komplett offene Möglichkeiten. Es kommt immer darauf an, welche Grammatik ich in den Songs verwende oder welches Vokabular. Deswegen kann man auch Klassik mit Techno verbinden. Die Richtungen lassen sich problemlos verschmelzen und profitieren sogar voneinander. Die Ausdrucksformen lassen sich so zu etwas Neuem verbinden.“
Marco: „Die Essenz von Jazz ist das Element der Improvisation – egal ob alter oder neuer Jazz. Bei elektronischer Tanzmusik gibt es dieses Element auch, zum Beispiel muss der DJ live entscheiden: Wann mache ich den Drop? Wann ändere ich den Track? Wann starte ich einen Build? Das ist ein anderes Stilmittel, aber im Grunde das gleiche, von daher findet man hier schon auch klare Gemeinsamkeiten. Man wirkt im Moment auf die Musik ein. Bei der Jazzrausch Bigband finden in jedem Stück Soli statt, in denen einzelne Musiker:innen über eine gewisse Strecke des Stücks improvisieren. Das ist das Gleiche wie im Jazz, nur dass es eben in der Kombi mit Techno in einem anderen Genre stattfindet. Der Jazz hat sich immer verändert und immer Einflüsse aus anderen Genres mit aufgenommen, daher ist dieser scheinbare Gegensatz sogar eher etwas Natürliches.“
Viele sind keine eingefleischten Techno-Fans, andere keine Jazz-Fans. Wie überzeugt ihr Euer Publikum trotzdem?
Florian: „Die einen mögen keinen Techno, die anderen keinen Jazz. Aber das Feedback ist, dass die Leute es am Ende immer geil finden. Das Mitempfindbare in der Show ist mega wichtig: Da stehen 15 Persönlichkeiten auf der Bühne, die auch sehr unterschiedlich sind. Es sind nicht alle laut oder stehen vorne, sondern einige sind auch ruhiger. Das ist super wichtig, weil so eine andere Identifikation des Publikums durch uns stattfindet. Und Euphorie äußert sich unterschiedlich – auf der Bühne und auch im Publikum. Das verbindende Element war immer super wichtig. Leute müssen relaten können, was emotional passiert.“
Marco: „Wir haben 15 verschiedene Persönlichkeiten, mit denen man sich als Publikum identifizieren kann. Deswegen haben wir auch ein sehr diverses Publikum, weil man sich eben unterschiedlichen Persönlichkeiten zuordnen kann. So schließt man alle ein und es verbindet.“
Wenn jede:r Musiker:in der Jazzrausch Bigband eine eigene musikalische Persönlichkeit mitbringt – wie entsteht daraus am Ende trotzdem ein gemeinsamer Sound?
Florian: „Uns gibt es seit 13 Jahren und würden wir uns nicht regelmäßig zum Diskutieren treffen, gäbe es uns nicht mehr. Und hätten wir nie gestritten, gäbe es uns auch nicht mehr. Durch Leonhards Musik fühlt es sich dennoch nach einem einzigen Produkt an, weil jede:r musikalisch eine Rolle hat und jede Person fehlt, wenn sie nicht dabei ist. Wir durften viel gemeinsam reisen, haben so viele gemeinsame Kilometer gesammelt, hängen auch abseits der Shows zusammen und können auch mal zwölf Stunden gemeinsam Auto fahren. Es ist ein großes soziales Gefüge, das miteinander auch noch Musik macht – oder umgekehrt. Dass jede:r wichtig ist, äußert sich in kleinen Sachen – seien es Running Gags oder vieles mehr.“
Marco: „Das Projekt lässt zu, dass jede:r sein kann, wie er oder sie will. So nach dem Motto: Das musst du anziehen, so musst du dich verhalten – das ist bei uns nicht so. Die Show ist so gestaltet, dass jede:r musikalisch frei ist und sich durch den Solo-Spot auch individuell ausdrücken kann. Wir agieren auch sehr spontan auf der Bühne, das macht die Band so besonders.“
Was würdet ihr Euch wünschen, dass jemand nach dem ersten Hören von Euphoria über eure Band sagt?
Marco: „Die muss ich unbedingt mal live hören.“
Florian: „Hätte ich auch gesagt. Wenn es um die Platte geht, dann, dass ich sie nochmal hören wollen würde. Jeder kennt es, dass man situativ bestimmte Platten hört – auch wenn es nur ein Track ist, weil er einen emotional so abholt. Und da würde ich mir wünschen, dass man auf der Platte emotional abgeholt wird.“
Zum Schluss: Wenn ihr das Album in nur einem Satz ankündigen müsstet – ohne das Wort „Euphoria“ oder Musikstile wie Jazz oder Techno zu verwenden –, wie würde dieser Satz lauten?
Florian: „Das Album schafft den Spagat zwischen positiven, bouncy Tracks und dunklen, technoiden Flächen mit Raum für Komplexität und Improvisation, bleibt aber trotzdem immer tanzbar.“
Jetzt live erleben
Wer die Energie von Euphoria nicht nur hören, sondern hautnah erleben möchte, sollte sich die Jazzrausch Bigband unbedingt auf der Bühne ansehen. Dort entfaltet sich genau jene kollektive Euphorie, von der Florian und Marco im Interview sprechen.