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„Die Stadt wird das Bergson lieben“

Kategorien

Im Werden

Autor

Hans Fuchs

Gast

Markus Stenger

„Die Stadt wird das Bergson lieben“

Das Architekturbüro Stenger2 hat der Monokultur den Kampf angesagt und will München mit Polyzentren überziehen – Stadtbausteine der Begegnung, die mehr als nur einem Zweck dienen. Diese Philosophie passt perfekt zur Vision der Bergson Eigentümer. Ein Gespräch mit Markus Stenger über die Vergangenheit des Heizwerks und die Zukunft des Kunstkraftwerks.

 

Herr Stenger, was macht das Bergson aus Sicht des Architekten so interessant?

Diese Strukturen entstammen einer Zeit, wo Moderne und Historismus ganz nah beieinander liegen. Würde man die Ziegelfassade wie eine Haut abziehen, käme dahinter ein moderner Stahlbetonskelett-Bau zum Vorschein. Das Bergson bietet geradezu klassische Elemente der Antike, dazu prämoderne, vertikale Bandfenster und im Verborgenen eine reine Industriearchitektur. Es stellt einen Scheidepunkt im Architekturdesign dar, der konzeptuell in den 1920er Jahren anzusiedeln ist.

 

Diese Architektur ist in München einzigartig. Wie kommt das?

Anfang der 1940er Jahre gab es bekanntlich megalomane Pläne, den Hauptbahnhof niederzureißen und in Form eines riesigen Kugelgewölbes nach Laim zu verlegen. Dort sollte ein neuer Gigabahnhof entstehen. Dieses Heizwerk, das heutige Bergson, sollte einen der vielen Ausweichbahnhöfe während der Umbauphase versorgen. Es musste schnell gehen, also wurden bereits fertige Konzepte aus der Schublade gezogen. Möglicherweise sahen die ursprünglichen Pläne ja vor, dieses Gebäude anderswo zu bauen, etwa in Berlin oder im norddeutschen Raum.

 

Ihre Planung musste sowohl den Denkmalschutz als auch die spätere Nutzung als Ort für Kunst und Kultur auf höchstem technischen Niveau berücksichtigen. Die Quadratur des Kreises?

Bis in die 1980er Jahre war es durch das noch junge Denkmalschutzgesetz eher notwendig, Gebäude wie ein Museums-Exponat zu erhalten, man konservierte. Das ist heute anders. Gute Vorschläge, die ein denkmalgeschütztes Gebäude mit Leben und Sinn erfüllen, werden jetzt gerne und durchaus kreativ unterstützt. Ich habe nie ein kategorisches Nein erlebt, sondern vielmehr harmonische, für beide Seiten nutzbringende Gespräche. So war es auch, als wir das Konzept für das Bergson vorgelegt haben.

Zoom

Ich zähle am Bestand nicht die Mängel auf, sondern sehe das Potenzial.

(Markus Stenger)

Was wird nach Fertigstellung vom historischen Baukörper und der wechselvollen Geschichte noch zu sehen sein?

Sie erleben zunächst ein nahezu unangetastetes Bild der Außenoberfläche. Auch im Gebäude finden Sie die ursprüngliche Grundstruktur – einschließlich der patinierten Oberflächen. Wir bauen also keineswegs ein schickes Loft hinein, man soll das Alter ruhig sehen und fühlen dürfen. am Tag mit Leben gefüllt ist, obwohl sie in den anderen 23 Stunden für alle möglichen Begegnungen wunderbare Räume bieten könnte. Hinsichtlich der Nutzungen auf jeweils nur ein Pferd zu setzen geht schon seit Jahrzehnten in die falsche Richtung. Was wir in unseren Städten dagegen brauchen, ist eine Vielzahl vitaler, heterogen entwickelter Unterzentren. So eines kann und soll das Bergson werden. Die Stadt wird es lieben. Die Graffitis werden teilweise auch noch sichtbar und konserviert sein, aber sicherlich nicht alle. Nicht jeder Griff zur Spraydose hat auch erhaltenswerte Kunst produziert, um es vorsichtig zu formulieren. Aber die temporäre Inbesitznahme durch die Subkultur wird und muss schon aufblitzen.

Wo sehen Sie die Rolle des Bergson im Münchner Stadtleben?

Ich engagiere mich leidenschaftlich dafür, das leidige Thema monofunktionaler Bauten aus unseren Städten herauszubekommen. Die Kraft und Ausschließlichkeit, die das Stadtzentrum im Mittelalter hatte, ist einfach überholt – wir sehen ja, was die Pandemie in der Fußgängerzone anrichtet. Oder die Monofunktion einer Kirche, die nur eine Stunde am Tag mit Leben gefüllt ist, obwohl sie in den anderen 23 Stunden für alle möglichen Begegnungen wunderbare Räume bieten könnte. Hinsichtlich der Nutzungen auf jeweils nur ein Pferd zu setzen geht schon seit Jahrzehnten in die falsche Richtung. Was wir in unseren Städten dagegen brauchen, ist eine Vielzahl vitaler, heterogen entwickelter Unterzentren. So eines kann und soll das Bergson werden. Die Stadt wird es lieben.

 

Ihr Wunsch für den Eröffnungsabend?

Bloß kein Eröffnungsabend! Ein ganzer Eröffnungstag muss es sein. Es muss am Morgen beginnen und über den Tag hinweg bis tief in Nacht gehen. Ein offenes Haus, in dem es auf jeder Fläche brummt. 24 Stunden Halligalli und Kraft, das wünsche ich mir.

 

 

Fotos © Kerstin Scheller-Kieburg